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Italien 2022,II: Reschensee, Graun, Bergaus und Meran

Mathias war noch nie am Reschensee, ich das letzte Mal 1987 vom Timelsjoch kommend, auf der Durchreise.Der Weg von Kaltern nach Graun am Reschensee ist lang, irre lang und somit will dieser Tagesausflug gut durchdacht sein. Wir frühstückten gegen 8:00 Uhr und machten uns kurz nach 9:00 Uhr auf den langen Weg. Über Kaltern, Eppan und Meran, mit Blick auf den Schlern war alles ok. Ab Meran, Brauerei Forst begann das Drama, sonntags im Stau geht gefühlt gar nichts, da geht das Adrenalin in ungeahnte Höhen. Nach rd. zwei Stunden auf der Landstraße hatten wir es aber dann doch geschafft.

Während in Kaltern 26 Grad angesagt waren, zeigte das Thermometer im Vinschgau 12 Grad und uns quälte einen mehr als ekliger Wind. Gott sei Dank bekamen wir am zentralen Parkplatz einen Platz für unser Auto, nochmals besser….wir mussten zum See quasi gar nicht laufen. Den Weg auf dem künstlichen Weg im See ersparten wir uns, es war viel zu kalt und ein Kirchturm bleibt irgendwie auch nur ein Kirchturm im Wasser.

Die Geschichte ist freilich ein Drama und es treibt einem Tränen in die Augen, wie Menschen mit Menschen umgehen!

Ich empfehle hier folgenden Artikel: https://www.geo.de/wissen/22663-rtkl-suedtirol-kirchturm-im-reschensee-die-menschlichen-schicksale-hinter-dem

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Film bei You Tube, 124 min Elend.

Wer sich das Alles nicht antun möchte, bekommt hier die Kurzform:

  • 1920, Annexion von Südtirol durch die Italiener
  • seit 1911 wurde Wasserkraft im Vinschgau zur Stromerzeugung genutzt, die Italiener nahmen nach der Anektierung die Pläne wieder auf, viele Pläne wurden verworfen, man war sich uneinig.
  • 1937, die Faschisten nehmen die Planung der Flutung von Reschen, und Graun wieder auf
  • 1939 , die Fiema Montecatini legt erste Vorschläge vor.
  • 1943, erste Bauarbeiten beginnen und kommen in den Wirren des Krieges wieder zum Erliegen
  • nach dem zweiten Weltkrieg boten die Schweizer für 30 Mio SFR für den Weiterbau, sie waren scharf auf den Strom
  • Entschädigung der Bauern, 1 Lire pro qm, es gab keine Realentschädigung.
  • Über 200 Höfe verloren ihre Existengrundlage
  • 1950 wurden die Orte Graun, Reschen ( zum Teil) geflutet,der berühmte Turm gehörte zur Kirche von Alt Graun, die restlichen Gebäude wurden gesprengt, zum Teil sieht man noch Kellergewölbe, sofern der See Niedrigwasser hat. 2021 konnte man das alte Dorf bewundern: https://www.reisereporter.de/artikel/13549-italien-das-versunkene-dorf-graun-im-reschensee

Die Folgen der Aufstauung:

  • 70 % der Bevölkerung ist aus- oder abgewandert
  • 163 Wohnhäuser bzw. landwirtschaftliche Gebäude wurden gesprengt[1]
  • 514 ha Kulturfläche vernichtet
  • 70 % weniger Nutztiere
Alt Graun, Teilflutung. Der Rest der Kirche steht noch, diese wurde später gesprengt. Quelle: Wikipedia
die Flutung

Die Südtiroler haben die Vorgehensweise natürlich als Provokation empfunden, das eh immer schwierige Verhältnis zwischen Südtirol und Italien wurde nachhaltig geschädigt.Selbst wir haben im Jahr 2022 Aufleber mit dem Spruch „Südtirol ist nicht Alto Adige“ vorgefunden, die Südtiroler streben bis heute nach Autonomie.

Kurz und gut, wir standen am See, stierten aufs Wasser und waren dankbar für Alles was wir am Körper trugen, die Shorts waren quasi überflüssig die Badesachen blieben im Wagen, auch wenn der See Emily geeignet ist.

Die Farben des See muten karibisch an, der Rest keider nicht.

Wir verschenkten unser Parkticket und fuhren schnell nach Neu Graun um dort, in einem der neuen Häuser sensationelen Nougattopfem zu essen und uns von der Sonne wärmen zu lassen.

Ein kurzer Stop am Stausee komplementierte das Erlebnis “Kirchturm im See“ und hinterließ einen bitteren Beigeschmack….

ganz hinten sieht man Neu Grau und den alten Kirchturmm
Blick von der Staumauer in nettere Gefilde, Schnee bereits auf Ortler und Co.

Mit einem kurzen Stop in Bergaus, mit Blick auf Kloster Marienburg und Burgruine Fürstenburh verließen wir das Vinschgau und fuhren nach Meran mit komplett eigenen Mikroklima.

Dort fanden wir schnell einen Parkplatz bei Karl Wolf, kurz vom Eingang in die Altstadt und standen im puppigen Nest.Irgendwie Dorf und dann doch ganz städtisch, irgendwie niedlich und dann doch mondän und ziemlich nobel…Meran eben.

Wir wollten einen netten Bummel durch die Stadt und abschließend ein Stück des Tappeiner Promenade zum Pulverturm laufen. Meran brummte an diesem Sonntag, es war heiß und die Innenstadt trotz geschlossener Geschäfte gut besucht. Südtirol ist im September ein wahres Rentnerparadies, wir ziehen hier den Altersdurchschnitt ziemlich herunter. Bei uns auf dem Campingplatz sind nur noch Familien mit Kleinkindern und Rentner, der Rest wird schlau gemacht in Kindergarten, Schule und Co.

herrliche Kolonnaden
Der Pulverturm, ganz oben bereits zu sehen
Der Dom von Meran
eigenes Mikroklima, fast 20 Grad mehr als in den Tälern

Meran fasziniert durch seine Vegetation, die Stadt liegt auf 263m Höhe, die Außenbezirke steigen aber auf über 1600m an. Graun liegt, zum Vergleich, auf 1520m und war nur eine Stunde früher eisekalt…..das sind die Alpen. An der einen Ecke wachsen Palmen, an der Anderen bewundert man den ersten Schnee. Die Stadt hat rund 41.000 Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt Südtirols. Mittlerweile ist die Stadt nur noch zu 50% deutschsprachig, wir hörten tatsächlich mehr italienisch als jemals zuvor in Südtirol. Viele Arbeiter sind seit der Annektion zum Arbeiten nach Südtirol gekommen.

Wir liefen durch die zentrale Einkaufsstraße am Dom vorbei und erklommen die steilen Stufen zur Tappeiner Promenade. Oben angekommen, waren wir Flachlandtiroler erstmal durchgeschwitzt, auf meinen Merkzettel für den Winter kommt : Fitnesstraining hilft gegen das frieren im Winter!

Wir bewunderten nun Meran von oben, welches auch ohne Pulverturm schon mal ganz hübsch geputzt daher kommt.

Natürlich gewehrte der alte Wehrturm nochmal andere Eindrücke, neben der Innenstadt im Talkessel, bewunderten wir vor Allem die schönen Stadtvillen der Jahrhundertwende.

Nachdem wir uns am hübschen Kurort sattgesehen hatten, gab es leckeres Radler und eine Pinsa im Café am Fuße des Turmes. Das Café ist eine klare Empfehlung, die Pinsa nur, wenn man Gorgonzolafan und eingelegte Paprika gerne mag. Bei uns kollerte die Pinsa eine ganze Nacht in den Gedärmen herum, dabei hatten wir nur eine geteilt und ich bereits nach der Hälfte der Hälfte aufgegeben…..aber lecker sah das gute Stück aus.

Pulversturm Hexenküche

Das www schreibf hierzu: Die traditionelle neapolitanische Pizza wird klassisch aus nur einer Mehlsorte hergestellt und zwar aus weißem Weizenmehl (Typo 0 oder 00). Der Teig für die Pinsahingegen wird aus einer Mischung von Weizen-, Reis- und Sojamehl mit einem hohen Wasseranteil und Sauerteig hergestellt.

Wir hatten wohl einfach nur Pech mit dem Belag, da man diese wohl in Meran in allen erdenklichen Soten bekommt, in unserer Lokalität leider ohne Auswahl. Übrigens stammt die Pinsa nicht aus dem alten Rom, wie gerne behauptet wird, noch ist diese in ihrer Entstehung älter als die Pizza. Pinsa ist ein Kunstwort, die Ähnlichkeit zu Pizza und Pita war 2001 ( älter ist das Zeug nicht) gewollt. Übrigens wird eine Pinsa erst nach dem Backen belegt UND der Teig hat eine Garzeit von 120 Stunden und wird nicht gerollt, sondern gedrückt.

In uns kollerte der Belag, während wir uns wieder in die Stadt bewegten.

Hier noch ein kurzer Blick auf den Pulverturm mit den wunderbaren Weinbergen.

Wir liefen durch die Innenstadt zur Etschpromenade inkl. Kurhaus, wir hätten aber auch am Ufer laufen können. Hier der Blick auf eine der alten Brückenkonstruktionen.

fast schon städtisch
das Kurhaus
Könnte auch Wien oder Paris oder London sein…..

40 Fahrminuten und ein grandioser Blick auf die Geislerspitzen versüßten uns die Rückfahrt Gegen 18:00 Uhr waren wir wieder in St. Josef. Unser Abendessen bestand aus irgendwelchen Resten, wir hatten nach der Pinsa keinen Hunger und schlummelten uns bereits um 21:00 Uhr in unsere Heia. Zum Einen quakten die Mägen, zum Anderen ist es abends erstaunlich frisch. Nach 20:00 Uhr draußen sitzen macht keinen Spaß mehr.